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Vom Bach-Konzert beflügelt

von Wolfram Goertz

Live-Musik wirkt Wunder: Die TU Dresden misst Oxytocin-Anstieg beim Publikum – Bach macht glücklich, verbindet und stärkt Körper wie Geist.

Ein Forscherteam kam zu spektakulären Ergebnissen, nachdem es Speichelproben beim Publikum der Dresdner Musikfestspiele analysiert hatte. Bach ist Ordnung und Unordnung in einem. Er verpackt seine Musik in Systemen und Formmodellen (Fuge, Sarabande, Arie) und wählt doch möglichst schnell Ausfahrten in die Freiheit. Bach erkennt man stets spätestens ab dem dritten Takt, wenn er sich nämlich ins Unterholz der Harmonik begibt. 

Der Hörer staunt dann und freut sich wie Bolle, wenn die Musik irgendwann wieder die Schleife gen Heimat findet. In den »Goldberg-Variationen« ist das ähnlich. Es gibt eine Versuchsanordnung und 30 Ableitungen, einfache und komplizierte. Doch die ein- und ausleitende Aria schimmert immer durch, sie ist die Matrix fürs ganze Stück. Das ist für den Hörer sehr anheimelnd: Mit ihr geht er auf Reise und sieht doch am Horizont immer den Heimathafen. 

Diesen Grad der Beruhigung, der Erwärmung und des kollektiven Wohlgefühls hat nun ein Experiment der TU Dresden in Kooperation mit den Dresdner Musikfestspielen während eines Konzerts gemessen. Das Forscherteam fand heraus, dass der Spiegel des sogenannten Bindungs- und »Kuschelhormons « Oxytocin beim Hören von Live-Musik und beim gemeinsamen Musizieren massiv ansteigen kann – teilweise sogar stärker, als in Studien nach Küssen oder Sex festgestellt wurde. 

Die Forschenden verstehen ihr Projekt als aufsehenerregende Momentaufnahme dafür, wie intensiv ein Konzerterlebnis Körper und Gefühlswelt beeinflusst. Wie lief das ab? Vor und nach der Aufführung gaben freiwillige Zuhörerinnen und Zuhörer Speichelproben ab, aus denen im Labor die Konzentration von Oxytocin bestimmt wurde; parallel wurden auch Proben von den Musikerinnen und Musikern genommen. So ließ sich nicht nur die individuellen Ausgangswerte, sondern vor allem die hormonellen Veränderungen durch das Musikerlebnis vor Ort erfassen. 

Die nüchternen Zahlen sind spektakulär: Im Publikum lag der durchschnittliche Oxytocin-Wert vor Konzertbeginn bei rund 37,5 Pikogramm pro Milliliter. Nach dem Hören der Live-Musik stieg dieser Mittelwert auf etwa 203 Pikogramm pro Milliliter an – also auf mehr als das Fünffache des Ausgangswerts, ein Zuwachs, den der verantwortliche Biopsychologe Clemens Kirschbaum als »außergewöhnlich« einordnet. Auch bei den Musikerinnen und Musikern war der Effekt deutlich: Bei ihnen kam es zu einer durchschnittlichen Erhöhung des Oxytocin- Spiegels um knapp 90 Pikogramm pro Milliliter.

Pikant ist der Vergleich mit früheren Untersuchungen zum »Kuschelhormon«: In kontrollierten Studien waren etwa nach einer 20‑sekündigen Umarmung Anstiege von nur wenigen Pikogramm pro Milliliter gemessen worden, intensive körperliche Nähe kam auf Zuwächse im zweistelligen oder niedrigen dreistelligen Bereich. Dass ein einziges Konzerterlebnis Werte hervorbrachte, die in dieser Größenordnung oder sogar darüber lagen, befeuerte denn auch die populäre Formel, Livemusik sei »besser als Küsse oder Sex« – ein Satz, den Festspielintendant Jan Vogler aufgriff. 

Aus wissenschaftlicher Perspektive mahnt Kirschbaum jedoch zur Vorsicht: Gemessen wurde ohne systematische Kontrollbedingungen, Randomisierung oder Verblindung. Gleichwohl zeigen die Werte, dass während eines Konzerterlebnisses Aspekte wie Verbundenheit und Vertrauen auf der einen Seite, Stressminderung und Immunstärkung auf der anderen Seite nicht zu unterschätzen sind. Unklar bleibt, welche Rolle andere Musikstile, andere Konzertformate, persönliche Vorerfahrungen, musikalische Kenntnisse oder die soziale Situation (allein im Saal, mit Freunden, Stammgast oder Neuling) für die Stärke des Oxytocin-Anstiegs spielen. Auch lassen sich individuelle Unterschiede – zum Beispiel in der grundsätzlichen Stressbelastung oder im Hormonhaushalt – mit diesem Setting nur begrenzt kontrollieren, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse einschränkt. Interessant wäre es beispielsweise, alle Probanden zu messen, wenn sie ein Konzert daheim in Internet oder Fernsehen erleben. 

Würde der Oxytocin-Wert weniger stark ansteigen? Vermutlich. In jedem Fall bestätigt sächsische Expertise alle Intendanten, Konzertplaner, Musiker und Hörer mit der Kraft der Zahlen: Konzert macht glücklich. Live ist noch besser. Ob es vor allem an Bach liegt, muss noch herausgefunden werden. 

Unser Autor Dr. rer. medic. Wolfram Goertz ist Musikredakteur der Rheinischen Post in Düsseldorf und Koordinator der Musikerambulanz am Universitätsklinikum Düsseldorf.