Henze: Voices

Artists
- Amanda Beckersoprano
- Peter Tantsitstenor
- Ingo MetzmacherDirigent
- Norbert Ommersound control
Programm
Hans Werner Henze 1926–2012
Voices – Stimmen (1973)
Eine Sammlung von Liedern für zwei Singstimmen (Mezzosopran und Tenor) und Instrumentalgruppen
Erster Teil
I. Los poetas cubanos ya no suenan (Heberto Padilla)
per Andrea Iovane
II. Prison Song (Ho Chi Minh)
for Peter Maxwell Davies
III. Keiner oder alle (Bertolt Brecht)
for Edward Bond
IV. The Electric Cop (Victor Hernandez Cruz)
für Herbert Marcuse
V. The Distant Drum (Calvin C. Hernton)
per Stefano Merlini
VI. 42 Schulkinder (Erich Fried)
for Michael Vyner
VII. Caino (Gino de Sanctis)
per Netta Vespigniani
VIII. Il Pasi (Mario Tobino)
per Fausto Moroni
IX. Heimkehr (Heinrich Heine)
para Miguel Barnet
X. Grecia 1970 (Giuseppe Ungaretti)
per Lele Romanelli
XI. Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration (Bertolt Brecht)
per Franco Serpa
Pause
Zweiter Teil
XII. Gedanken eines Revuemädchens während des Entkleidungsaktes (Bertolt Brecht)
für Peter Adam
XIII. Das wirkliche Messer (Hans Magnus Enzensberger)
para Heberto Padilla
XIV. Recht und billig (Erich Fried)
für Paul Dessau
XV. Patria (Miguel Barnet)
para Rogelio Rodriguez
XVI. Screams (Interlude) (Welton Smith)
per Titina Maselli
XVII. The Worker (Richard W. Thomas)
per Renzo Vespigniani
XVIII. Para aconsejar a una dama (Heberto Padilla)
for Harrison Birtwistle
XIX. Roses and Revolutions (Dudley Randall)
for Arthur Mitchell
XX. Vermutung über Hessen (F. C. Delius)
für Hans Magnus Enzensberger
XXI. Schluß (Michalis Katsaros)
für Rainer Esche
XXII. Das Blumenfest (Hans Magnus Enzensberger)
for Yoichi Ohira
Gefördert vom Kuratorium KölnMusik e. V.
Zum Werk
Übersicht Vokaltexte
Erster Teil
I. Los poetas cubanos ya no suenan (Heberto Padilla)
»Kubas Dichter können nicht mehr träumen«. Wann immer sie sich zum Schreiben zurückziehen wollen, zwingt sie eine unsichtbare Macht, den Gesichtern der Leidenden ins Auge zu sehen. Das Gedicht ist eine beklemmende Anklage gegen den Verlust dichterischer Freiheit und zugleich einAufruf zur Zeugenschaft.
II. Prison Song (Ho Chi Minh)
Gedicht aus den Gefängnistagebüchern Ho Chi Minhs über Haft und Erniedrigung. Lakonisch, aber von ungebrochenem innerem Widerstand durchzogen.
III. Keiner oder alle (Bertolt Brecht)
Brecht’sches Solidaritätsgedicht: Wer sich nicht mit allen verbündet, kämpft vergebens. Ein kämpferisches, kollektivistisches Lied mit klarer Forderungshaltung.
IV. The Electric Cop (Victor Hernández Cruz)
Satire auf den brutalisierten Polizeistaat und die Fernsehgesellschaft in den USA um 1970. Aggressiv, urban, mit scharfer sprachlicher Energie.
V. The Distant Drum (Calvin C. Hernton)
Eines der kürzesten und konzisesten Lieder des Zyklus. Die Begleitung beschränkt sich auf eine Harmonika und ein kleines Schlagzeug-Ensemble mit Banjo. Rhythmus, Melodik und Instrumentarium sind stark von amerikanischer Popularmusik geprägt, entsprechend dem Gedicht, das den Kampf der Schwarzen Amerikas zum Thema hat.
VI. 42 Schulkinder (Erich Fried)
Bezieht sich auf das Massaker von My Lai im Vietnamkrieg. Nüchtern-protokollarisch im Ton, gerade dadurch von erschütternder Wirkung.
VII. Caino (Gino de Sanctis)
Das biblische Motiv des Brudermords wird beim Anblick eines toten deutschen Wehrmachtssoldaten zur Anklage gegen Krieg und staatliche Gewalt umgedeutet.
VIII. Il Pasi (Mario Tobino)
Ein Gedicht über einen Partisanen aus demitalienischen Widerstand: Pasi, so der Name des Helden, ist ein junger Mann, der von den Deutschen ergriffen und hingerichtet wurde. Henze hat das Lied seinem italienischen Lebensgefährten Fausto Moroni gewidmet.
IX. Heimkehr (Heinrich Heine)
Heines bitteres Exilgedicht aus dem Buch der Lieder über die Entfremdung von der Heimat. Elegisch in der Stimmung, mit der für Heine so typischen Mischung aus Sehnsucht und Desillusionierung.
X. Grecia 1970 (Giuseppe Ungaretti)
Klage über das Griechenland der Militärjunta (1967–1974). Der Dichter trauert darin – kurz vor seinem Tod im Jahr 1970 – um ein Land, das er einst liebte.
XI. Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration (Bertolt Brecht)
Brechts Parabel über den Philosophen Laotse, der seine Weisheit nur auf Bitten eines Grenzwächters niederschreibt. Das Gedicht wirkt durch seinen erzählerischen Tonfall, seine milde Ironie und den humanistischen Ansatz.
Zweiter Teil
XII. Gedanken eines Revuemädchens während des Entkleidungsaktes (Bertolt Brecht)
Innerer Monolog einer Tänzerin, die beim Ausziehen über soziale Ungerechtigkeit, aber auch über ganz banale Dinge nachdenkt. Ein fast kabarettistisches Gedicht aus Brechts US-amerikanischer Exil-Zeit mit bitterem Unterton.
XIII. Das wirkliche Messer (Hans Magnus Enzensberger)
In Enzensbergers kühl-analytischem, politisch präzisem Gedicht geht es um die alltägliche, unsichtbare Gewalt des Systems – das Messer, das wirklich tötet, ist nicht das sichtbare.
XIV. Recht und billig (Erich Fried)
Sarkastische Abrechnung mit dem Vietnamkrieg und der Praxis der Vereinigten Staaten, für jeden darin getöteten Zivilisten umgerechnet 120 DM zu bezahlen. Am Beispiel des US-amerikanischen Präsidenten rechnet der Autor diese Ausgleichssumme gegen.
XV. Patria (Miguel Barnet)
Das lyrische Ich bekennt seine Liebe zur Heimat – zu Haus, Erde und Natur –, spürt aber, dass diese Bindung allein nicht ausreicht. Eine im Kampf gestählte Stimme erhebt sich, weil die Zeit zum Reden gekommen ist. Das Gedicht mündet in die Gewissheit einer kollektiven, unsichtbaren Kraft auf dem Land, die bereit ist, das Leben zu verteidigen.
XVI. Screams (Welton Smith)
Aufschreie gegen Gewalt und Unterdrückung aus afroamerikanischer Perspektive. Der Ton ist expressiv und aufgewühlt, getragen von einem tiefen Schmerz, der sich nicht länger schweigend ertragen lässt.
XVII. The Worker (Richard W. Thomas)
Stimme eines schwarzen Arbeiters, der seine Ausbeutung reflektiert. Direkt, ohne Pathos und getragen von stiller Würde.
XVIII. Para aconsejar a una dama (Heberto Padilla)
Eine alte, vereinsamte Dame verbarrikadiert sich hinter Vorhängen und Konventionen und weigert sich, die gesellschaftliche Realität anzuerkennen – symbolisiert durch den schwarzen Stipendiaten, der provokativ in ihrem Garten uriniert. Der Dichter fordert sie mit beißender Ironie auf, alle Hüllen fallen zu lassen und sich der Wirklichkeit – und dem Klassenkampf – buchstäblich hinzugeben.
XIX. Roses and Revolutions (Dudley Randall)
In einer apokalyptischen Nachtvision durchmisst das lyrische Ich die Dunkelheit des menschlichen Elends. Langsam wie der Morgen bricht anschließend eine Utopie an: eine Welt, in der Männer in Würde leben, Waffen verrosten und Menschen füreinander schaffen statt gegeneinander kämpfen. Aus dieser Vision erwächst in tief ambivalenter Schönheit die blutrote Blume der Revolution.
XX. Vermutung über Hessen (F. C. Delius)
Surreale Satire auf die westdeutsche Bourgeoisie angesichts eines imaginären Generalstreiks. Absurdkomisch, politisch provokativ.
XXI. Schluss (Michalis Katsaros)
Das Gedicht entwirft eine radikale Abrechnung mit allem, was Befreiung verhindert: Medien, Wohnungsprivileg, Staatsreligion, Diplomatie, falsche Freunde. Schonungslos schließt der Dichter sich selbst in diese Kritik ein. Erst wenn all das ein Ende hat, kann die eigentliche Befreiung beginnen.
XXII. Das Blumenfest (Hans Magnus Enzensberger)
Enzensbergers visionäres Gedicht über eine utopische Gemeinschaft des Friedens. Zart und zugleich schmerzlich – ein lyrischer Ausblick, der die Hoffnung nicht preisgibt.
Stimmen des Aufruhrs, Stimmen der Hoffnung
Hans Werner Henzes Voices – Stimmen
Als Jahrgang 1926 groß geworden in der düstersten Epoche der deutschen Geschichte, beinahe selbst ins Mahlwerk einer Musikschule der Waffen-SS geraten und nach dem Krieg hellsichtig auf die Ereignisse der jungen Bundesrepublik blickend, musste sich Hans Werner Henze zwangsläufig zu einem politischen Komponisten entwickeln. Schon seine Übersiedlung nach Italien 1953 war ein Akt des Widerstands gewesen. Als sich Ende des darauffolgenden Jahrzehnts der Protest vernehmbar auch an anderen Stellen regte, gehörte Henze zu denjenigen, die sich aktiv daran beteiligten.
Für die akademische Linke war der Vietnamkrieg zum zentralen Symbol einer als imperialistisch empfundenen US-Außenpolitik geworden, die weltweit, von Washington über Paris bis Berlin, zu Demonstrationen führten. In Deutschland verband sich die Empörung über den Krieg mit einer innenpolitischen Abrechnung: Die Studentenbewegung wandte sich gegen die Große Koalition, die Notstandsgesetze und – nicht zuletzt – gegen das Schweigen der Elterngeneration über ihre NS-Vergangenheit. Der Tod Benno Ohnesorgs 1967 radikalisierte Teile der Bewegung ebenso wie das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke 1968 – den Hans Werner Henze, nach dessen langen Krankenhausaufenthalt in der Schweiz, als Rekonvaleszenten mehrere Wochen lang in seinem Anwesen in Marino beherbergte. Auch sonst beteiligte sich der als »etabliert« geltende Komponist an Aktivitäten und Kundgebungen der Studierendenschaft, wirkte etwa beim Internationalen Vietnam-Kongress an der TU Berlin im Februar 1968 mit und setzte mit seinem Austritt aus der Westberliner Akademie der Künste (bei gleichzeitigem Eintritt in die Ostberliner) ein deutliches politisches Zeichen.
Hans Werner Henze im Jahr 1994
Auch mit den Mitteln seiner Kunst unterstützte Hans Werner Henze die ihm überfällige erscheinende Bewegung. Zwischen den ausgehenden 1960er-Jahren bis in die frühen 1980er-Jahre hinein schuf er eine Reihe dezidiert politischer Kompositionen. Rein instrumentale wie die sechste Sinfonie, die Ende 1969 in »revolutionärem Rahmen« vom kubanischen Nationalorchester in Havanna uraufgeführt wurde; vor allem aber – bevorzugt schon wegen der Möglichkeit, politische Inhalte auf Textebene zu transportieren – vokale Werke musiktheatralischen Zuschnitts: ein Genre, in dem sich der genuine und von Beginn an erfolgreiche Opernkomponist mit größter Sicherheit bewegte. Von der berüchtigten Skandaluraufführung seines Oratoriums Das Floß der Medusa (1968), dem dokumentarischen Rezital El Cimarron (1969 – 79) sowie den Gastón-Salvatore-Vertonungen Versuch über Schweine (1969) und Der langwierige Weg in die Wohnung der Natascha Ungeheuer (1971) bis zum gemeinsam mit Edward Bond verfassten monumentalen Antikriegsmanifest We Come to the River (1976) probierte Henze darin unterschiedliche Formen der Publikumsansprache aus. Auch die des politischen Orchesterlieds, das – in größtmöglichem Variantenreichtum – seinen Höhepunkt in den 1973 entstandenen Voices – Stimmen findet.
Der Auftrag für diesen aus zwei Mal elf Liedern bestehenden Zyklus für zwei Gesangssolist:innen und 15 Instrumentalist:innen kam aus London, seit der glanzvollen Uraufführung seines Balletts Undine am Royal Opera House 1958 einer der großen Umschlagsplätze Henze’scher Musik. Bestellt hatte ihn die London Sinfonietta, die – wie in späteren Zeiten das Ensemble Modern – zu Henzes bevorzugten Uraufführungsensembles gehörte. Die Texte stammen von Dichtern des 20. Jahrhunderts, nur Heinrich Heine (ein politischer Autor par excellence) bildet als Vertreter des 19. Jahrhunderts die Ausnahme, dessen winterlich-grau vorüberziehende Heimkehr an neunter Stelle des abendfüllenden Zyklus steht. Ansonsten handelt es sich zum größten Teil um »brandaktuelle« Lyrik aus der Zeit um 1970, wie zum Auftakt bereits das Gedicht Los poetas cubanos ya no sueñan von Heberto Padilla. Der kubanische Dichter war Ende der 1960er-Jahre beim »Comandante« Fidel Castro wegen angeblicher Konterrevolution in Ungnade gefallen, wurde in Haft genommen und zu einer demütigenden öffentlichen Selbstanklage gezwungen: Willkürhandlung gegenüber einem einstigen Vorzeigedichter der Kubanischen Revolution, die wiederum linke Schriftsteller:innen und Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre, Marguerite Duras, Susan Sontag oder den mit Henze befreundeten, ebenfalls zu den Voices-Dichtern zählenden Hans Magnus Enzensberger zu einer kritischen Stellungnahme veranlasste. Über die Textzusammenstellung schreibt der Komponist in einem Werkkommentar:
»Die Auswahl der Gedichte und ihre Anordnung reflektieren mein persönliches politisches Denken und mein emotionelles politisches Engagement, und so sind es weniger literarische Inhalte oder musikalische Strukturen als vielmehr dieses politische Denken und dieses Engagement, die der Sammlung ihren Zusammenhalt geben.«
In der Tat meint man, Henze könne der Differenziertheit, in mancher Hinsicht sogar auch Widersprüchlichkeit seiner künstlerisch-politischen Absicht einzig durch die Fülle der literarischen und der auf sie angewendeten musikalischen Mittel gerecht werden. Seine in den Jahren um 1970 ohnehin zum Experimentellen neigende Schreibweise erreicht hier den Höhepunkt neugierig-lustvollen Adaptierens, Ausprobierens und Collagierens; mit einer Schamlosigkeit, wie sie nur den Großen zusteht (der Zweck heiligt die Mittel), bedient sich Henze dabei aus einem Arsenal unterschiedlichster Sprachen und Stile, aus einer Vorratskammer, die neben Zeitlosem und Aktuellem auch das Abgelegte, neben dem Verbindlichen auch das Unverbindliche, neben dem Erwartbaren auch das Unerwartete bereithält: ein Fundus grell und dialektisch gegenübergestellter Kontraste, in dem sich nichts wiederholt und leicht den Eindruck von Uferlosigkeit entstehen könnte, wäre da nicht die Hand eines so auf geschickt auf Formwirkung bedachten Komponisten, die alles an die richtige Stelle setzt.
Die Tradition des politischen Lieds der Schiene Weill-Eisler-Dessau klingt in Voices gedanklich an; sie wird am Ende aber eher gestreift als weitergeführt. Wie bei den genannten Kollegen aus der Vorgängergeneration – von denen Paul Dessau ein enger Freund Henzes war – gibt es Anklänge an musikalisches Volksgut, aber an das Kunstlied sowie an den Jazz. An anderen Stellen wiederum greift Henze auf hochartifizielle serielle Strukturen zurück, um »abstrakte Elemente zum Vehikel einer konkreten Aussage werden zu lassen.« Die Diversität der Jargons, Stile und Konstruktionsprinzipien (einschließlich der Improvisation) erschließt sich bereit beim Durchblättern des Notentextes, der oft – am konsequentesten bei Ho Chi Minhs Prison Song an zweiter Stelle, fast durchgehend aber auch in den Nummern 19 und 20 (Roses and Revolution, Vermutung über Hessen) – auf grafische Elemente und Space Notation zurückgreift: typische Merkmale einer Henze-Partitur der 1970er-Jahre. Fast klischeehafte Verweise auf Zurückliegendes finden sich an anderer Stelle, wie im dritten Lied, das Brechts Solidaritätsgedicht Keiner oder alle im Tonfall eines Eisler’schen Arbeitermarschs vorstellt, oder in den Walzeranklängen der Nummern 7 (melancholisch in Caino, in dem der italienische Dichter, Journalist und Kriegsberichterstatter Gino de Sanctis am Beispiel eines toten Wehrmachtssoldaten die Sinnlosigkeit des Krieges besingt) und 21 (parodistisch in Schluss, einem von Hans Magnus Enzensberger übersetzten Michalis-Katsaros-Gedicht, das die kleinbürgerliche Konsumgesellschaft und die schlaffe Gesinnung der »Altlinken« aufs Korn nimmt).
Charakteristisch für den gesamten Zyklus ist, dass Ausdrucksextreme auf der einen Seite immer wieder den Ausgleich auf der anderen suchen. Im vierten, Herbert Marcus gewidmeten Lied The Electric Cop etwa – einer beißend-satirischen Abrechnung des puertoricanischen Dichters Victor Hernández Cruz mit einer reizüberfluteten, abgestumpften Fernsehgesellschaft – zeichnet Henze manisches Hin- und Hergezappe von Kanal zu Kanal vor dem Hintergrundgedudel einer Hammond-Orgel nach und illustriert den Vorgang auf unterschiedlichen instrumentalen und theatralen Ebenen: Aufnahmen von Massenekstasen werden vom Band zugespielt und Ballons aus der Luft abgeschossen, während sich der Tenor in exaltiertem Tonfall singend und schreiend durch extreme Register hangelt. Diesem Höllenspektakel aus der Flimmerkiste steht mit der Brecht-Vertonung Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration ein vollkommen entspannter Abschluss des ersten Teils gegenüber. Gemütlich und ohne melodische oder rhythmische Besonderheiten (abgesehen vom charakteristischen Wechsel zwischen 3/8- und 4/8-Takt) schlendert das Duett geradezu durch einen die Tonart C-Dur assoziierenden Tonraum: eine helle, klare und saubere Musik, die der Botschaft dieses lehrreichen, das berühmte Gleichnis vom Wasser und dem Stein enthaltenden Gedichts keinerlei Hindernis in den Weg legt.
An musikalischen Turbulenzen reich ist wiederum der zweite Teil von Voices, wenn Henze etwa in Screams mit Welton Smith (wie auch in The Worker mit Richard W. Thomas) einen Autor aus dem Umfeld der Black-Power-Bewegung zu Wort kommen lässt. Der »Schrei« ist hier ein radikal-existenzieller Ausdruck erlittenen Schmerzes, aber auch der Befreiung. In vollkommen anarchische Gefilde führt dann als Nr. 20 die F. C. Delius-Vertonung Vermutung über Hessen, in der Henze nicht nur das Experimentelle seiner Schreibweise, sondern auch den musiktheatralen Ansatz auf die Spitze treibt. Die Szene imaginiert – mit Verweis auf Georg Herweghs Bundeslied von 1863 (»Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will«) – die Folgen eines Generalstreiks im Bundesland Hessen samt kopfloser Reaktionen der politischen und wirtschaftlichen Führungsriege. Wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen agiert auch das Ensemble bei der Ausführung: Noch ehe der Tenor einsetzt, übernimmt der/die Fagottspielende den Vokalpart, der/die Obost:in übt sich an der Mundharmonika, die Bratsche am (und im) Klavier, der/die Trompeter:in an der Marimbula – ein planlos-planvolles Dilettieren in einer unerwarteten Situation.
In vollendeter Harmonie wiederum schließt der Gesamtzyklus mit dem von Hans Magnus Enzensberger aus dem Altkolumbianischen übertragenen Blumenfest – eine Reminiszenz an die (zur Entstehungszeit schon angewelkte) Flower-Power-Bewegung und insofern ebenfalls »politisch«, als sie die Zukunftsvision eines friedlichen, liebevollen und sozialen Miteinanders der Menschen und aller Geschöpfe entwirft. In seiner 1996 erschienenen Autobiografie Reiselieder mit böhmischen Quinten erinnert sich Hans Werner Henze: »Das Blumenfest ist mir in Marino (Henzes Wohnort ab 1966, Anm. d. Red.) an einem einzigen Sommermorgen ohne jede Mühe und sozusagen ganz absichtslos von der gut gelaunten Feder gehüpft, bedarf also auch keiner Überbewertung aus strukturalistischer, serialistischer oder moralistischer Perspektive.« Das sahen Henzes Kritiker, die sich vor allem während seiner dezidiert »politischen Phase« aus unterschiedlichsten Lagern rekrutierten, nicht nur mit Blick auf den Gesamtzyklus, sondern auch auf die künstlerische Persönlichkeit seines Autors anders.
Während Stimmen wie der auf ästhetische Reinheit der Neuen Musik pochende Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger allein schon Anstoß am genüsslich ausgekosteten Eklektizismus der Henze’schen »musica impura« nahmen, verwiesen andere spitzzüngig (und etwas billig) auf die erheblichen Unterschiede »zwischen Henzes politischer Überzeugung und seinem dekadent-hochkapitalistischen Lebensstil«. Wie auch immer und trotz aller Kritik: Nach der von Henze selbst geleiteten Uraufführung am 4. Januar 1974 mit den Solist:innen Rose Taylor und Paul Sperry in der Londoner Queen Elizabeth Hall trat Voices einen wahren Siegeszug um die Welt an und wurde bis heute häufig aufgeführt. Am 1. Juli 2026 wäre der gebürtige Westfale, der mit seinen Bühnenwerken, aber auch mit seinem gewaltigen sinfonischen Schaffen, seiner Kammermusik und nicht zuletzt mit politischen Werken wie Voices – Stimmen die Welt erobert hat, 100 Jahre alt geworden.
Stephan Schwarz-Peters
Biographien
Amanda Becker
Amanda Becker ist Sopranistin und Jazzsängerin und lebt in Berlin. Sie studierte klassischen Gesang an der HfMDK Frankfurt, der Musikhochschule Freiburg und der UdK Berlin. Ihre Leidenschaft liegt vor allem in der Liedgestaltung. Sie erhielt Unterricht bei Pauliina Tukiainen, Eric Schneider und Axel Bauni. Regelmäßig singt und gestaltet sie Liederabende und tritt im Duo mit den Liedpianistinnen Justine Eckhaut, Hansol Cho und Anni Laukkanen auf. Sie war an Uraufführungen von Werken Steffen Schleiermachers und Christina Fuchs’ beteiligt und begeistert sich auch sonst sehr für das zeitgenössische Lied.
Während ihrer gesamten Laufbahn und Karriere als Sopranistin war Amanda Becker immer auch als Jazzsängerin aktiv. Von 2016 bis 2021 besuchte sie regelmäßig Workshops der Jazzlegende Barry Harris. 2022 war sie Finalistin der Riga Jazz Stage. Zurzeit ist sie fest in der Berliner Jazzszene involviert und singt mit verschiedenen Ensembles und Bands. Zusammen mit dem Gitarristen Gur Liraz hat sie 2019 das Duo Gur and Amanda gegründet, das 2023 sein erstes Album Ask Me Now veröffentlicht hat. Zusammen mit Liedpianist:innen und Jazzmusiker:innen hat Amanda Becker das Projekt »let me LIED you« ins Leben gerufen, das Kunstlieder und Jazzstandards verbindet und außerdem mit politischen und (schwarz-) feministischen Gedichten arbeitet.
Amanda Becker gibt mit diesem Konzert ihr Debüt in der Kölner Philharmonie.
Peter Tantsits
Der amerikanische Tenor Peter Tantsits erhielt zunächst eine Ausbildung als Violinist, bevor er sein Gesangsstudium an der Yale University sowie am Oberlin Conservatory abschloss. Im Laufe seiner Karriere trat er an bedeutenden internationalen Bühnen auf, darunter das Teatro alla Scala in Mailand, das Grand Théâtre de Genève, die Bayerische Staatsoper in München, das Royal Opera House in London, die Salzburger Festspiele, La Monnaie in Brüssel sowie das New National Theatre in Tokio. Zudem arbeitete er mit renommierten Orchestern wie den Berliner Philharmonikern, dem London Symphony Orchestra, dem New York Philharmonic und dem Los Angeles Symphony Orchestra.
Peter Tantsits arbeitet regelmäßig mit zahlreichen der weltweit führenden Dirigent:innen zusammen, darunter Sakari Oramo, Sir Simon Rattle, Kirill Petrenko, Thomas Adès und Joana Mallwitz, sowie mit namhaften Regisseur:innen wie Calixto Bieito, Lydia Steier, Peter Sellars, Milo Rau, Ivo van Hove, William Kentridge und anderen.
Für seine jüngste Darstellung des Max Aue in Parra’s Les Bienveillantes bei der Uraufführung an der Vlaamse Opera Antwerpen erhielt er außergewöhnliche Kritiken und wurde unter anderem für den Titel »Sänger des Jahres« der Zeitschrift Opernwelt nominiert. Sein umfangreiches Repertoire reicht von Rollen wie dem Emigranten in Nonos Intolleranza, Herodes (Salome), Desportes (Die Soldaten), Aegisth (Elektra), Piet vom Fass (Le Grand Macabre), Erik (Der fliegende Holländer), Eumolpe (Perséphone) bis hin zu Gandhi (Satyagraha), Perelà in Dusapins Perelà – Uomo di fumo sowie Michael in Stockhausens Donnerstag aus Licht. In den vergangenen Spielzeiten schuf er neben der Rolle des Walter Benjamin auch die Partien des Oscar Ekdahl (Fanny und Alexander) an La Monnaie sowie Ravel (La Main gauche) für das Festival Ravel in Saint-Jean-de-Luz/Philharmonie de Paris.
Bei uns war Peter Tantsits zuletzt im Mai 2018 zu Gast.
Ensemble Modern
Seit seiner Gründung 1980 zählt das Ensemble Modern (EM) zu den führenden Ensembles für Neue Musik. Es vereint rund 20 Solist:innen aus Belgien, Bulgarien, Deutschland, Griechenland, Indien, Israel, Japan, den USA und der Schweiz, deren Herkunft den kulturellen Hintergrund der Formation bildet. Das in Frankfurt am Main beheimatete Ensemble ist bekannt für seine einzigartige Arbeits- und basisdemokratische Organisationsweise. Künstlerische Projekte, Partnerschaften und finanzielle Belange werden gemeinsam entschieden und getragen.
Seine unverwechselbare programmatische Bandbreite umfasst Musiktheater, Tanz- und Videoprojekte, Kammermusik-, Ensemble- und Orchesterkonzerte. Tourneen und Gastspiele führen das Ensemble Modern zu renommierten Festivals und herausragenden Spielstätten in aller Welt wie z.B. Berliner Festspiele, Bregenzer Festspiele, Cité de la Musique, Concertgebouw Amsterdam, Elbphilharmonie Hamburg, Festival d’Aix-en-Provence, Festival d’Automne à Paris, Hellerau Dresden, Holland Festival, Klangspuren Schwaz, Konzerthaus Berlin, Kölner Philharmonie, Kunstfestspiele Herrenhausen, Muziekgebouw aan ’t IJ Amsterdam, Ruhrtriennale, Queen Elizabeth Hall London, Wien Modern und Wigmore Hall London.
In seiner Heimatstadt tritt das Ensemble Modern in einer eigenen Abonnementreihe in der Alten Oper Frankfurt auf. In Kooperation mit der Oper Frankfurt finden regelmäßig Musiktheaterproduktionen sowie die Werkstattkonzertreihe »Happy New Ears« statt. Seit 2011 veranstaltet das Ensemble Modern zudem gemeinsam mit dem hr-Sinfonieorchester das Festival »cresc... Biennale für aktuelle Musik Frankfurt Rhein Main«. Weitere Kooperationen und Projekte runden das facettenreiche Profil des Ensemble Modern ab. In enger Zusammenarbeit mit den Komponist:innen erarbeitet das Ensemble Modern, mit dem Anspruch der größtmöglichen Authentizität, jedes Jahr durchschnittlich 70 Werke neu, darunter etwa 20 Uraufführungen. So entstanden über die Jahre außergewöhnliche und oftmals langjährige Zusammenarbeiten u.a. mit John Adams, Mark Andre, George Benjamin, Peter Eötvös, Brian Ferneyhough, Heiner Goebbels, Hans Werner Henze, Mauricio Kagel, György Kurtág, Helmut Lachenmann, György Ligeti, Olga Neuwirth, Enno Poppe, Rebecca Saunders, Simon Steen-Andersen, Karlheinz Stockhausen, Steve Reich, Frank Zappa oder Vito Žuraj sowie herausragenden Künstlerpersönlichkeiten anderer Kunstsparten.
Neben seinen vielfältigen Aktivitäten auf dem Podium präsentiert das Ensemble Modern die Ergebnisse seiner Arbeit auch auf Tonträgern, die vielfach ausgezeichnet wurden. Fast 50 der insgesamt über 150 Produktionen erschienen im eigenen, 1999 initiierten Label Ensemble Modern Medien.
2003 bündelte das Ensemble Modern mit Gründung der Internationalen Ensemble Modern Akademie (IEMA) seine bereits bestehenden Aus- und Weiterbildungsprojekte unter einem Dach, um gezielt das musikalische Erbe der Moderne weiterzugeben. In für unterschiedliche Zielgruppen entwickelten Formaten bietet die IEMA seither einen Masterstudiengang in zeitgenössischer Musik für professionelle junge Musiker:innen in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main sowie internationale Meisterkurse, Kompositionsseminare und Educationprojekte an. 2024 wurde das Ensemble Modern mit dem Silbernen Löwen der Biennale Musica di Venezia ausgezeichnet.
In der Kölner Philharmonie war das Ensemble Modern zuletzt Anfang Mai dieses Jahres zu hören.
Das Ensemble Modern wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, die Stadt Frankfurt sowie über die Deutsche Ensemble Akademie e.V. durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur.
hr2-kultur – Kulturpartner des Ensemble Modern.
Die Besetzung des Ensemble Modern
Dietmar Wiesner Flöte, Piccoloflöte, Altflöte, Blockflöte, Bengalische Flöte, Inkaflöte, Lotosflöte, Bambusflöte
Christian Hommel Oboe, Englischhorn, Mundharmonika, Blockflöte, Maultrommel, Gläserspiel
Jaan Bossier Klarinette, Klarinette in B, Klarinette in Es, Bassetthorn in F, Bassklarinette in B, Lotosflöte
Johannes Schwarz Fagott, Kontrafagott, Log Drums
Thomas Mittler Horn, Celesta, Bambusflöte
Sava Stoianov Trompete in C, Glasharfe
Till Künkler Posaune, Tuba, Kuhglocken
Ueli Wiget Klavier, Celesta, Hammond-Orgel
Hermann Kretzschmar Klavier
David Haller Pauken, Vibraphon, Klavier, Crotales
Rainer Römer Schlagzeug
Steffen Ahrens Gitarre, Elektrische Gitarre, Klavier, Tenorbanjo, Woodblock
Filip Erakovic Akkordeon, Hammond-Orgel, Steeldrum
Jagdish Mistry Violine, Viola, Mandoline
Giorgos Panagiotidis Violine
Megumi Kasakawa Viola, Violine, Klavier, Viola d’amore
Annie Jacobs-Perkins Violoncello
Paul Cannon Kontrabass, Gong
Norbert Ommer Klangregie
Moritz Fischer Tontechnik
Ingo Metzmacher
Ingo Metzmacher war Generalmusikdirektor der Staatsoper Hamburg (1997–2005), Chefdirigent der Niederländischen Nationaloper (2005–2007) sowie Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (2007–2010). Von 2016 bis 2025 war er Künstlerischer Leiter der KunstFestSpiele Herrenhausen in Hannover, die er mit ambitionierten Großprojekten und bedeutenden Uraufführungen prägte. Er ist regelmäßig bei führenden Orchestern zu Gast, darunter die Wiener Philharmoniker, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Orchestre Philharmonique de Radio France, Oslo Philharmonic, das Swedish Radio Symphony Orchestra, die Filarmonica della Scala, das Cleveland Orchestra, die Tschechische Philharmonie, die Wiener Symphoniker und das Ensemble Modern.
Die Saison 2026/27 beginnt für Metzmacher mit einer Rückkehr zu den Salzburger Festspielen für Hans Werner Henzes Der Prinz von Homburg. Außerdem dirigiert er Henzes Voices mit dem Ensemble Modern in Köln sowie mit dem Klangforum Wien in Wien und Madrid. Beim Verdi Festival in Parma stellt er Werke von Henze denen Wagners und Debussys gegenüber. Seine enge Zusammenarbeit mit der Opéra national de Paris setzt er mit der Uraufführung von Hèctor Parras Miroir de nos peines sowie mit Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk fort. Ebenfalls in Paris kehrt er zum Orchestre Philharmonique de Radio France zurück, um gemeinsam mit Håkan Hardenberger die europäische Erstaufführung von Unsuk Chins Trompetenkonzert zu dirigieren. Darüber hinaus ist Metzmacher mit dem Mahler Chamber Orchestra und Pierre-Laurent Aimard in Aufführungen von Messiaens Turangalîla-Symphonie in Deutschland zu erleben. In Berlin kombiniert er Werke von Lili Boulanger mit Strawinsky und Bernstein; weitere Engagements führen ihn mit Zemlinsky nach Reykjavík, mit Brahms nach Brüssel, mit Hindemith nach Bozen und mit Schostakowitsch nach Kopenhagen.
Zu den Höhepunkten der vergangenen Spielzeiten zählen Neuproduktionen von Wolfgang Rihms Die Eroberung von Mexico, George Enescus Œdipe, Luigi Nonos Intolleranza 1960, Giuseppe Verdis Falstaff sowie Hans Werner Henzes Das Floß der Medusa bei den Salzburger Festspielen. Hinzu kommen Richard Strauss’ Salome beim Festival d’Aix-en-Provence, Enescus Œdipe, Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk und Philip Glass’ Satyagraha an der Opéra national de Paris, Walter Braunfels’ Die Vögel an der Bayerischen Staatsoper, Albéric Magnards Guercœur an der Opéra national du Rhin sowie die Uraufführung von Francesco Filideis Il nome della rosa am Teatro alla Scala. Bislang leitete Metzmacher zudem fünf Europa-Tourneen des Gustav Mahler Jugendorchesters. Zudem ist Metzmacher Autor der Bücher Keine Angst vor neuen Tönen und Vorhang auf! Oper entdecken und erleben.
In der Kölner Philharmonie dirigierte Ingo Metzmacher zuletzt im September vergangenen Jahres das WDR Sinfonieorchester.
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- Kulturpartner der Kölner Philharmonie

Andreas Günther, Sebastian Loelgen (verantwortlich)





