Charlotte Oelschlegel übernimmt in der kommenden Saison die Moderation der Konzerte der Reihe »Sonntags um vier«. Wie sieht die Zukunft der Konzertmoderation aus? Was bedeutet es, zwei Generationen gemeinsam im Konzertsaal zu erleben? Und wie fühlt es sich an, auf der Bühne der Kölner Philharmonie zu stehen?
Im Podcast spricht Charlotte Oelschlegel mit Christoph Vratz über die neue Konzertreihe, ihre Leidenschaft für Musik und die Kunst der Moderation und verrät, worauf sich das Publikum in der kommenden Saison am Sonntag freuen darf.
Transkription
0:05
Von der Bratsche zum Musikjournalismus: Charlottes Werdegang
Herzlich Willkommen beim Podcast der Kölner Philharmonie.
Diesmal nicht mit einer Musikerin mit einem Musiker, sondern mit einer Moderatorin.
Charlotte Oehlschlegel wird in der kommenden Saison die Konzerte um 16:00 Uhr moderieren und ich möchte mit ihr sprechen, nicht nur über diese Konzerte, sondern auch über den Reiz und die Möglichkeiten von Konzertmoderationen.
0:27
In unserer Zeit.
Ob das Brücken schlagen kann, inwieweit es ein neues Publikum generieren kann und so weiter Charlotte herzlich willkommen.
0:36
Sprecher*in 2
Vielen Dank für die Einladung.
Ich freu mich.
0:38
Sprecher*in 1
Fangen wir an, zunächst mit dir selber.
Du arbeitest unter anderem auch für den NDR, das heißt, Wir sind auch Rundfunkkollegen und sagen auch deswegen du.
Und du arbeitest als Moderatorin als ja DJ auch und du hast als Bratscherin früher im Orchester gespielt.
0:56
Wie ist es dazu gekommen, bist du mit der Grab Bratsche groß geworden oder bist du von der Geige gekommen, wie war der Anfang deiner musikalischen Laufbahn?
1:05
Sprecher*in 2
Na ja, ich bedien natürlich das absolute Klischee.
Ich hab nämlich am Anfang eigentlich Geige gespielt und ich komm aus dem Haushalt, in dem Musik eigentlich immer ne große Rolle gespielt hat, weil meine Mutter im Tanzbereich in der Rhythmik, in der Pädagogik gearbeitet hat, und ich weiß noch, dass es damals in Schorndorf, einem kleinen Ort in der Nähe von Stuttgart, in dem ich aufgewachsen bin, in der Musikschule so n Tag gab, Tag der offenen Tür.
1:28
An dem man alle möglichen Instrumente ausprobieren konnte.
Und ich bin dann da so durchgelaufen.
Es gab 2 Instrumente, aus denen ich n Ton rausbekommen hab, das war einmal ein Horn und eine Geige, dann wollte ich eigentlich Horn spielen, aber ja, mit den Nachbarn und so haben wir uns dann in der Familie für die Geige entschieden und als Jugendliche bin ich dann rüber gewandelt zu Bratsche.
1:51
Weil ich einfach sehr beruhigt war, dass es nicht mehr so quietscht und ich die tiefen Frequenzen sowieso viel lieber mag.
1:57
Sprecher*in 1
Und hast dann nachher die Perspektive, Berufsmusiker zu werden.
Gar nicht erst verfolgt, sondern bist dann direkt in den Musikjournalismus.
2:06
Sprecher*in 2
Nee, ich hab als Jugendliche tatsächlich so diese klassische Jugend musiziert, Laufbahn mitgemacht, da jedes Jahr teilgenommen, am liebsten in Ensembles und bin dann auch ins Landesjugendorchester Baden Württemberg gekommen und kurz darauf auch ins Bundesjugendorchester.
Und das war natürlich ne Zeit, in der dann alles auf die Musik ausgerichtet war.
2:24
Da war ich tatsächlich auch das allererste Mal in der Kölner Philharmonie, da hatten wir eigentlich jedes Frühjahr ne Arbeitsphase mit einem anschließenden Konzert, aber ich hab schon damals gemerkt, mich interessiert mehr als das reine Spielen und vielleicht war ich auch nicht ganz so gut, dass es für ne Profikarriere gereicht hätte, aber ich hatte immer so viele Interessen und Hobbys und dachte mir, ich muss es in meinem Beruf später irgendwie alles zusammenbringen.
2:50
Und dann war ich total erleichtert, als ich festgestellt hab, dass man in Karlsruhe an der Hochschule für Musik, Musikjournalismus für Rundfunk und Multimedia studieren kann.
Vor allem also mit Radioschwerpunkt.
Und man konnte aber trotzdem noch n bisschen bratschenunterricht parallel laufen lassen.
Das war dann für mich das Beste aus allen Welten.
3:09
Die Evolution der Musikvermittlung und der Reiz der Moderation
Nun wird der Musikjournalismus in unseren Zeiten ja immer ein bisschen weiter runtergefahren.
Schauen wir auf die Tageszeitungen, da bleibt dann für eine Konzertbesprechung mit Glück bleiben 70 Zeilen übrig, die Ansprüche beim Rundfunk werden, auch was die Zeiten betrifft, ein bisschen runtergefahren im Laufe der Jahre, ich erinnere mich selber, als das erste Mal der NDR angerufen hat, hieß es, können sie die Kölner Götterdämmerung in 2 Minuten 30 besprechen und ich dachte, das sei ein Scherz.
3:39
Und ja, ist dann die Bedeutung von Musikvermittlung in Anbetracht der knapper werdenden Zeiten, die eingeräumt werden, ist diese Qualität der Vermittlung umso wichtiger.
3:53
Sprecher*in 2
Ich glaube schon und ich seh die auch nie auf nur ein Medium begrenzt.
Also als ich angefangen hab zu studieren, dachte ich schon, dass es in die Radiorichtung geht und da bin ich ja heute auch noch sehr gern, weil ich finde, dass Musik und Radio einfach n Match sind und.
Ja man Leute überraschen kann, aber auch so Beziehung aufbauen kann zu den Hörerinnen und irgendwie lassen sie ja einen auch rein in ihr Badezimmer oder an den Frühstückstisch oder wo auch immer und das finde ich, ist eine Komponente des Musikjournalismus oder der Musikvermittlung, die ich ganz toll finde und ich schätze auch wirklich unser Publikum dafür, dass sie da so mitgehen und einem Vertrauen, aber ich hab in den letzten Jahren eigentlich gemerkt, dass sich die Musikvermittlung auf alle
4:36
Lebensbereiche erstreckt.
Plötzlich landet man in einem Projekt, in dem es um Gaming geht, wo n Orchester mitspielt, n Streamer da sitzt und man hat n ganz anderes Publikum, aber der Kern ist immer die Musik oder ich sammel Platten und Krieg dann immer mal wieder ne Anfrage von sogenannten Listening Bars, das sind so ja nach Vorbild von Jazz kissers japanischen Räumen, in denen sich Menschen einfach treffen um gemeinsam in sehr guter Audioqualität Musik zu hören und.
5:05
Plötzlich darf man da nen Abend machen und kommt in so ganz unterschiedliche Kontexte und ich find das auch einfach schön zu sehen, wo ist n Bedürfnis, wo interessieren sich Menschen für Musik, wo wollen sie über Musik zusammenkommen und dann da einfach zu sein und ich mein im im Journalismus, Wir sind das gewohnt.
5:22
Dass sich die Nutzung von Medien ändert.
Wir sind immer flexibel, wir versuchen uns immer anzupassen oder mitzugehen und zu erspüren, wo da vielleicht gerade auch neue Wege der Musikvermittlung möglich sind.
5:33
Sprecher*in 1
Dann versuche ich jetzt mal alle Disziplinen zusammenzufassen in der Frage, was reizt dich denn überhaupt an dieser Moderationsaufgabe per se?
5:42
Sprecher*in 2
Ich merke halt immer in der westlichen klassischen Musik, dass man es immer wieder mit den gleichen Werken zu tun hat, und das hat mich als Bratschistin im Jugendorchester irgendwann auch n bisschen gelangweilt.
Und je tiefer ich mich dann aber mit den Inhalten beschäftige oder ins Lesen kommen oder Werke in nen anderen Kontext setzt, das kann man im Radio zum Beispiel hervorragend in ja so DJ Sendungen.
6:05
Dass man neue Perspektiven auf Altbekanntes gewinnt, und das reizt mich eigentlich.
Das in der Moderation herauszustellen, also zu sagen, Wir haben Menschen im Publikum, die einen lieben dieses Stück, die begleitet das vielleicht seit ihrer Kindheit bis ins hohe Alter, und andere Leute kommen dazu, die das zum allerersten Mal hören, wie kann man ne Geschichte schaffen, die all diese Liebe oder Neugierde für die Werke aufnimmt, und ja, den einen vielleicht ne neue Perspektive bietet und die anderen erstmal.
6:35
Reinholt in diese Geschichte, in diese Musik, und ich mag es sowieso, über Musik zu sprechen.
Ich find das ganz toll, wenn man nicht nur still da sitzen muss, sondern was Lebendiges passiert auf der Bühne, abgesehen von der Musik, und die dann irgendwie neu strahlt im besten Fall.
6:53
Neue Perspektiven auf Klassiker: Storytelling und Konzertdialog
Damit hast du ja fast schon eine Art ich polemisier mal jetzt ein bisschen eine Art Richtungsstreit.
Skizziert.
Man kann das auf der einen Seite so definieren, wie du es gerade gemacht hast, indem du sagst, ja, die Kernwerke haben mir irgendwann nicht mehr gereicht und es gibt so viel anderes, was zu entdecken ist.
7:11
Das ist die eine Seite, die total ihre Berechtigung hat, und dann gibt es auf der anderen Seite ja die Strategie, dass man sagt, die Kernwerke sind so zentral von so überragender Bedeutung auch eben, wenn sie in der Kölner Philharmonie gespielt werden.
Dass es umso wichtiger ist, diese Werke immer wieder neu zu beleuchten, darin gibt es so unfassbar viel zu entdecken und so viele Geschichten, die man da rausholen kann, dass das im Grunde nie endet.
7:37
Möchtest du dich überhaupt auf eine dieser beiden Seiten schlagen?
7:42
Sprecher*in 2
Nee, ich glaub das schließt sich nämlich auch gar nicht aus.
Also nur weil wir das Repertoire erweitern und auch durch ganz tolle musikwissenschaftliche Forschung feststellen.
Wow, es gibt viel mehr als nur diesen ganz engen Kanon, der häufig gespielt wird, heißt es ja nicht, dass die Klassiker nicht mehr erklingen müssen.
8:00
Die sind sowieso da, die werden so viel gespielt, diese Beethoven Sinfonien, diese Mozart Sinfonien, die sind uns so bekannt und wir mögen sie ja auch, aber an einigen Stellen immer wieder zu sagen, hier kommt noch mal was Neues mit rein, was vielleicht auch ne Wechselwirkung hat mit diesem Klassiker oder was mir noch was Neues über die Zeit von Mozart und Beethoven sagt, wenn ich zum Beispiel an Emilie Meyer Denk, es ist total interessant.
8:24
Zu sehen also ne Komponistin aus Mecklenburg, wie sie damals gearbeitet hat, wie in Beethoven gearbeitet hat, was die Herausforderung jeweils für die Persönlichkeiten waren, was das auch mit der Region zu tun hat.
In der sie gearbeitet haben.
Ja, mit gesellschaftlichen Missständen oder Strukturen, wie die sich da so Durchgewurschtelt haben, dann sagt mir das auf der einen Seite ja was über Beethoven und auf der anderen Seite was über Emilie Meyer und am Schluss bin ich schlauer als davor, hab mehr gehört, mehr tolle Musik in ja meinen persönlichen Kanon aufgenommen, das ist meine Hoffnung zumindest.
8:58
Sprecher*in 1
Als Zauberwort im Rahmen von Moderationen heute auch eben Konzertmoderationen, geistert immer die Formulierung vom Storytelling, also Geschichten erzählen.
Was bedeutet das eigentlich für dich in der Praxis?
9:14
Sprecher*in 2
Also wenn ich an so n Konzertprogramm rangehe, dann.
Ist da ja erst mal immer so n weißes Papier.
Man hat einfach nur die Musik und die ist auch der Ausgangspunkt.
Ich hör mir das dann an, kennt es vielleicht schon, kennt es noch nicht und dann geh ich in die Bibliothek.
Ich hab glücklicherweise in Berlin eine ganz tolle Bibliothek gefunden, die Amerika gedenkt Bibliothek in Kreuzberg, in der ich mich sehr wohlfühl kann ich allen empfehlen sowieso geht mehr in Bibliotheken, nutzt diese Angebote die es da gibt und die haben so n ganzes langes Regal nur mit Musikliteratur, da ist eigentlich alles da was ich brauch.
9:47
Und dann les ich mich da so durch und ich hab am Anfang gar nicht ne Geschichte im Kopf, die ich erzählen möchte.
Aber gerade wenn wir jetzt auch auf sonntags um 4 zu sprechen kommen, wir haben zum Beispiel dieses erste Konzert mit Mozart Sinfonia konzertante und dann hab ich gemerkt, das Thema Dialog und Austausch zwischen den Instrumenten, aber auch innerhalb von diesem Konzertprogrammen, das ist eigentlich der rote Faden und daraus versuch ich dann ne Geschichte für diesen Nachmittag im Konzert zu entwickeln.
10:17
Ist jetzt aber nicht irgendwie n Märchen mit einem Anfang und einem Ende und einer Moral?
Das kann jedes Mal ganz unterschiedlich sein und ich hoff eben dadurch, dass man irgendwie nen Zugang schafft zu dieser Musik, an der alle teilnehmen können, zu der jeder oder jede zu dem allen was einfällt.
10:35
Sprecher*in 1
Wie ist denn überhaupt der Plan bei diesen Konzerten?
Du moderierst heißt das, du trennst Musik vom Wort oder ist das eine Interaktion mit dem jeweiligen Orchester, dass die auch einzelne Sequenzen mal anspielen oder herauspicken oder einzelne Stimmen mal hörbar werden?
10:54
Was ist die Vorstellung?
10:56
Sprecher*in 2
Also so ganz genau weiß ich das natürlich jetzt noch nicht.
Das wird sich je nach Programm je nach Konzert auch anders entwickeln, weil ne konzertmoderation ja nicht bedeutet, dass ich da hingeh und irgendwas vorleg oder Bestimm, sondern man immer gemeinsam mit dem Orchester, mit den Personen, die Solo spielen ne Idee oder ne Vision für diese ja knapp anderthalb Stunden entwickelt und ja, bei Mozart beispielsweise im Oktober Camarphilharmonie Neuss und Isabelle van Köllen, da ist es eben der Dialog und.
11:26
Mich ist die große Frage dieses Konzerts, wo findet Dialog statt, wie kann er vielleicht sogar während des Konzerts in der Kölner Philharmonie stattfinden?
Vielleicht ist es ja auch ein Dialog zwischen mir und dem Orchester oder dem Publikum und dem Orchester, manchmal entwickelt sich das ja auch einfach erst im Moment im Saal.
11:46
Lampenfieber, Flow und die Moderation als Brückenbauerin
Wenn du auf eine Bühne trittst, dann ist es ja ein Moment, ja der Erwartung der.
Vielleicht auch des Taxierens von Musikern weiß man, dass es so ist, wenn sie auf eine Bühne gehen, erfahren Sie relativ schnell eine bestimmte Stimmung.
12:08
Der Saal spiegelt auf die Bühne etwas zurück und das kann ein Konzert beeinflussen, sollte es vielleicht nicht, aber ist dann doch in der Praxis oft so.
Wie ist das bei dir, wenn du auf eine Bühne gehst?
Hast du, dann lebst du vom Wohlfühlfaktor, der ja gerade in der Kölner Philharmonie aufgrund der Anordnung des Saales durchaus gegeben ist.
12:29
Oder beobachtest du erst oder wie ist so dein Auftritt?
12:36
Sprecher*in 2
Oh, das ist eine gute Frage.
Also vor Auftritten werde ich so mittelmäßig nervös, würde ich sagen, es ist jetzt nicht so, dass ich am ganzen Leib zittere, ich habe nur immer das Gefühl, ich möchte eigentlich einfach nur schlafen.
Das ist mein Nervositätssymptom.
12:52
Aber ja, sobald dann diese Tür aufgeht und dann kommt das Licht und die Wärme und man man hört die Menschen im Saal dann ja, ist man wie in so einer in so einer Kugel der Konzentration ganz nah bei sich und hat aber natürlich trotzdem die Einflüsse aus dem Saal.
13:08
Ich glaub im im Sport sagt man oft, dass es so ne Art Flowzustand gibt.
Und den erlebe ich im besten Fall auch bei einer Konzertmoderation.
Also dass alle Sinne so extrem geschärft sind, dass man alles aufnimmt, was um einen rum passiert, aber trotzdem bei sich bleibt.
13:25
Das ist ein total verrücktes Gefühl, hatte ich übrigens auch nie beim Musikmachen, so sehr in der Form, das ist eher beim Moderieren, weil man da noch mal anders ja denkt und noch mal für mich auch anders beim Publikum ist.
13:38
Sprecher*in 1
Bist du glücklich, dass du nicht als Musikerin auf der Bühne bist, wo ja jeder falsche Ton sofort verheerende Wirkungen auslösen kann, sondern bei Worten kann man immer noch nachschärfen, man kann korrigieren, man kann eine andere Richtung einschlagen, man ist letztlich flexibler.
13:56
Sprecher*in 2
Ja, das stimmt schon.
Wobei ich auch n Fan von Fehlern bin, weil sie manchmal zu sehr lustigen Situationen führen oder Running Gags, die sich entwickeln und das macht ja irgendwie auch die Lebendigkeit aus.
Klar ist es in der Musik, da gibt es dann schon sehr hohe Ansprüche, nicht so einfach, aber ich fand das eigentlich gerade auch beim Kammermusikspielen auch immer gut.
14:16
Ist doch super, wenn man n Stück 500 mal durchgespielt hat und dann passiert plötzlich mal was anderes.
Das führt wieder zu einer anderen Interpretation, man muss irgendwie auf einen anderen Weg gehen gemeinsam.
Das finde ich grundsätzlich gut, würde ich sagen.
14:31
Sprecher*in 1
Nun stehen ja die traditionellen Konzertformate zunehmend auch, sagen wir, unter schärferer Beobachtung, wenn nicht auch unter deutlicher werdender Kritik.
Siehst du die Moderation als.
Zukünftige Brückenbauerin um sei es, ein neues Publikum zu gewinnen, sei es, das bisherige Publikum neu an die Hand zu nehmen.
14:56
Siehst du die Moderationen im klassischen Konzert als zunehmend wichtig an?
15:02
Sprecher*in 2
Ich glaube, es kommt sehr auf das Format an.
Ich glaub eigentlich immer, dass die Musik auch für sich spricht, aber ich kann auch verstehen, dass man manchmal n bisschen Abwechslung möchte.
Wenn Leute oft ins Konzert gehen, und da bietet sich das, glaube ich, auch immer wieder an, mit Moderation oder mit Sprache zu arbeiten.
15:19
Und Moderation kann ja auch ganz unterschiedlich sein, es ist ja eher nen Weg sich Gedanken zu machen über Dramaturgie, über den gesamten Abend, das fängt ja schon damit an, in dem Moment, wie kommen die Leute eigentlich ins Konzerthaus, was erleben sie da im Foyer?
15:36
Wie ist das Licht?
Um welche Uhrzeit findet das Konzert statt, wo sitzen die eigentlich, was für vielleicht auch unausgesprochene Regeln gibt es im Publikum, und das mag ich eben mit Moderationen daran zu arbeiten, vielleicht um Dinge zu festigen, die man schon tut, weil man im Kollektiv merkt, ja, es lohnt sich manchmal auch, zum Beispiel in sehr leisen Stellen in der Musik wirklich auch ruhig zu werden im Publikum oder sich zu fokussieren.
16:01
Auf der anderen Seite denk ich manchmal auch, ja, warum soll es nicht mal n Szenenapplaus geben.
Ist doch toll wenn Leute begeistert sind und die Menschen auf der Bühne dieses Feedback auch bekommen, das ist ja auch eigentlich ne Wertschätzung.
Also da glaub ich ist schon die Moderation auch so.
N hat vielleicht ne vermittelnde Rolle zwischen unterschiedlichen Erwartungshaltungen an das Konzert und manchmal denk ich mir auch wenn ich selbst ins Konzert geh wie sich das verändert hat, ist schon auch kurios, ich muss oft an.
16:29
An die Londoner Sinfonien von Hayden denken, wenn man da Texte drüber liest?
Ne, die Menschen saßen da im Konzert, die hatten vielleicht was zu essen dabei, die haben sich während der Musik die ganze Zeit leise unterhalten, die Hälfte kam eh zu spät, weil die neuen Sinfonien erst spät gegen Abend gespielt wurden, ne, dann kracht mal n Kronleuchter runter, alle Rennen nach vorne, weil Hayden der Star auf der Bühne ist.
16:53
Das haben wir heute ein bisschen auch vergessen, dass diese Musik auch schon in ganz anderen Kontexten aufgeführt wurde.
Und ich mag es immer, was Altbekanntes irgendwie noch mal anders zu erleben.
Vielleicht geht man ja am Schluss auch wieder zurück zu dem, was man schon lange kennt, das ist dann natürlich auch eine sehr persönliche Frage.
17:09
Sprecher*in 1
Also letztlich auch ein Appell, mehr Mut an die Konzertveranstalter spielt mehr mit Licht, spielt mehr mit Formen, spielt mehr mit Interaktion, möglicherweise auch durch das Publikum.
17:23
Sprecher*in 2
Ich denke schon.
Ich mein, viele sagen dann vielleicht kritisch, na, das ist doch ne Eventisierung, reicht die Musik nicht an sich aus, aber wenn wir schauen, wie viele Konzerte es jeden Tag im ganzen Land gibt, dann finde ich das auch total in Ordnung, an manchen Stellen stärker darauf einzugehen und vielleicht auch einfach zu fragen, was wollt ihr denn, was interessiert euch, wie macht euch das Konzert Spaß und dann eben für die unterschiedlichen Vorlieben unterschiedliche Angebote zu entwickeln.
17:51
Die Kölner Philharmonie und das generationsübergreifende Publikum
Schauen wir noch mal auf die Konzerte um 16:00 Uhr in der Kölner Philharmonie.
Die Programme sind ja inzwischen bekannt, gibt es so den ein oder anderen Favoriten, wo du besonders neugierig bist und sagst, das interessiert mich vor allem?
18:07
Sprecher*in 2
Oh, ich glaub so n Highlight kann ich für mich eigentlich noch gar nicht rausstellen.
Ich freue mich eigentlich vor allem, also alle Konzerte sind toll, es sind sehr hochkarätige Ensembles, es sind tolle Werke.
Die dann angereichert werden mit neuen Stücken, die vielleicht n Dialog aufmachen.
18:24
Aber ich freu mich eigentlich vor allem auf den Raum, du hast ihn ja auch schon angesprochen, diese Kölner Philharmonie, erst mal so dieses ikonische Rot der Sitze, und dann ist das ja wirklich aufgebaut, wieso n Amphitheater, ich find da haben die Architekten Bussmann und Haberer wirklich auch ganze Arbeit geleistet, dieser Saal hat irgendwie so ne Nähe, also wenn man unten auf der Bühne steht.
18:45
Hat man das Gefühl, dass man direkt dran ist an all den Leuten, obwohl der im besten Fall 2000 Leute sitzen?
Es kommt mir gar nicht so vor und dieses höhlenartige ich glaub, dass da n ganz toller Fokus entstehen kann und am meisten freue ich mich eigentlich auf die Begegnung innerhalb des Publikums.
19:02
Also wie ist es denn, wenn n zehnjähriges Kind neben jemand sitzt, der schon seit 40 Jahren in die Kölner Philharmonie geht?
Das Kind hat vielleicht auch Fragen, wird begleitet beim ersten Konzertbesuch und die Person, die Stammgast ist, die hat vielleicht auch die Möglichkeit, diese Musik noch mal durch die Ohren eines Kinds zu hören.
19:22
Dass das noch nie erlebt hat.
Und das finde ich eigentlich ne tolle Chance, dass man sich da auch gegenseitig aufeinander einlässt.
19:28
Sprecher*in 1
Wirst du auf diese unterschiedlichen Altersstrukturen bei den Moderationen Rücksicht nehmen oder ist es bewusst so?
Alles für alle?
19:37
Sprecher*in 2
Ich glaube, das kommt wieder ganz stark auf das Programm an.
Also ich musste zum Beispiel beim Trompeter Simon Höfele sofort an Kaffee denken, der hat ja n großes Faible für dieses Getränk und am Anfang dachte ich mir auch, wie schön wäre es, wenn alle so ne Kaffeebohne bekommen in einem kleinen Tütchen und dann gibt es vielleicht n bisschen Musik und man kann sich da irgendwie auf dieser Bohne den Geschmack durch den Mund gehen lassen, während man der Musik zuhört und dann dachte ich mir, na OK.
20:03
Für Zehnjährige ist das vielleicht nicht ganz perfekt, die sollen ja dann irgendwann auch abends wieder schlafen können, also bis zu einem gewissen Grad schon.
Aber ich glaube auch, dass die Themen in der Musik so universell sind, dass sie für alle Altersgruppen ne Rolle spielen.
20:20
Sprecher*in 1
Wird es eigentlich innerhalb der Moderation auch Interviews mit den Künstlerinnen und Künstlern geben oder so?
Ist das strikt getrennt?
20:28
Sprecher*in 2
Nein, auf jeden Fall.
Es ist alles offen und.
Ich bin auch interessiert daran, was das Publikum sagt, weil ich glaube, so ne Reihe über ne ganze Saison zu erstrecken ist eigentlich auch ne Chance gemeinsam daran zu arbeiten, wie sowas dann aussehen kann.
Also ich bin auch sehr gespannt zu hören, wie es den Leuten gefällt, ob sie es zum Beispiel mögen, wenn Interviews geführt werden, ob sie mehr Interaktion zwischen Moderation, Publikum und Orchester wollen, ob es mehr Lichteffekte geben soll, ob das alles ganz klassisch in einer Lichtstimmung passieren soll.
20:59
Da bin ich total offen und hoffe auch, dass es gemeinsam einen Weg wird, auf den wir uns begeben.
21:05
Was macht ein Konzert erfolgreich? Ein Blick in die Zukunft
Wann bist du am Ende eines Konzerts glücklich oder zufrieden?
Oder du sagst, das war ein Erfolg?
21:12
Sprecher*in 2
Es kommt drauf an.
21:15
Sprecher*in 1
Worauf?
21:16
Sprecher*in 2
Auf das Gefühl, was man hatte also.
Nach dem Konzert fällt natürlich Spannung ab von allen, und das ist in der Kölner Philharmonie auch immer ganz toll.
Ich erinnere mich noch an meine Zeit im Bundesjugendorchester, denn wenn man die Bühne verlässt, dann stehen da schon ganz liebe Menschen von der Philharmonie, die einem direkten Getränk anbieten, deswegen hat Köln auf jeden Fall nach dem Konzert sowieso so n partyfaktor aber natürlich gibt es auch manchmal Konzerte, wo ich danach eher nachdenklich bin und mich frag, hat das jetzt so funktioniert, war das jetzt wirklich n guter Abend für alle?
21:50
Ich hoffe natürlich, dass ich danach einfach glücklich bin und das Orchester, das Team der Philharmonie und vor allem das Publikum auch.
21:57
Sprecher*in 1
Dann lass uns doch zum Schluss noch einen kleinen Blick in die Glaskugel wagen.
Wo wird das klassische Konzert mitsamt den Möglichkeiten von Moderationen in 10 und oder in 20 Jahren stehen?
22:12
Sprecher*in 2
Also ich hoffe, dass das klassische Konzert, wobei ich finde, dass es das eigentlich gar nicht gibt.
In 10 oder 20 Jahren auf jeden Fall noch da ist.
Ich hoff, dass es Räume gibt, in denen Menschen zusammenkommen, um Musik zu hören, vor allem, wenn ich gerade auch daran denke, dass man ja eigentlich den ganzen Tag von vielen Reizen umgeben ist.
22:32
Ich sag auch immer, das Konzert ist eigentlich der einzige Moment, in dem man die Chance hat, das Handy mit gutem Gewissen auch mal auf die Seite zu legen.
In dem man eine Stunde lang nicht daran denkt, wer einem jetzt vielleicht gerade geschrieben hat, wer anruft.
Und ich glaube, dass diese Räume, in dem man dann auch Kollektiv sitzt, Menschen trifft, mit dem man im Alltag vielleicht sonst gar nichts zu tun hat, total wichtig sind und dass die Musik dabei eben der verbindende Punkt ist.
22:57
Ob dann moderiert wird oder nicht, oder ob da jemand davor Platten auflegt oder ob die Musizierenden selbst moderieren, das finde ich dabei gar nicht so wichtig.
Ich glaube, es ist wichtig, dass es diesen Ort des Austauschs gibt.
23:09
Sprecher*in 1
Die Musizierenden.
Und selbst moderieren, das war gerade noch ein Stichwort.
Hast du die Erfahrung gemacht, dass die Generation von jüngeren Musikerinnen und Musikern eher bereit ist, selbst zum Mikro zu greifen, Konzerte beziehungsweise Werke zu erklären oder ist und bleibt das letztlich auch ne Typprage?
23:34
Sprecher*in 2
Ich glaub es bleibt ne Typ frage.
Das kann ich nicht so pauschal beantworten.
Ich weiß natürlich, dass in der Ausbildung mittlerweile mehr Wert darauf gelegt wird und dass es auch oftmals der Anspruch ist an junge Musizierende, dass sie das einfach auch so können müssen.
Und ich weiß ja selbst, wie schwer das manchmal sein kann.
23:51
Da gibt es bestimmt viele, die sich da total reinwerfen und das fantastisch machen, aber ich kann schon auch verstehen, dass es ne Herausforderung ist und n Zusatz, den man zum Musizieren auch noch machen muss, genauso wie zum Beispiel auch die sozialen Medien zu bespielen und ich hoffe natürlich auch, dass wenn ich da zum Beispiel als professionelle Moderatorin mit dabei bin, das vielleicht auch n bisschen Last von den Schultern nimmt, sie können ja trotzdem mit mir sprechen.
24:16
Weil ich den Moment trotzdem sehr schätze, wenn die Musizierenden selbst sagen, warum sie was spielen, was Sie daran fasziniert.
Oftmals merke ich auch, dass die total gut beim Publikum ankommen, auf ihre Art und Weise und dass es eben diese Verbindung und dieses Vertrauen zwischen dem, was auf der Bühne und im Saal passiert, irgendwie noch mal stärkt, das hat so n richtiges Bonding Moment, und da unterstütze ich gerne, viele können das auch alleine, manche haben vielleicht gar keine Lust drauf.
24:45
Mal schauen, wie das weitergeht.
24:46
Sprecher*in 1
Weißt du wie das wird, Fragen die Nornen in der Götterdämmerung.
Das war Charlotte Ölschlegel sie war heute zu Gast im Podcast der Kölner Philharmonie, denn sie moderiert in der kommenden Saison 202627 die Orchesterkonzerte sonntags um 16:00 Uhr.
25:04
Also wir hoffen, dass wir Neugierde geweckt haben.
Vielen dank Charlotte für deine Zeit und für deine ehrlichen Antworten.
25:11
Sprecher*in 2
Danke für die Einladung.
Jetzt freue ich mich sehr auf die kommenden Konzerte.
Mozart: Sinfonia concertanteJacques Forestier | Kammerakademie Neuss | Isabelle van Keulen
Haydn: Sinfonie Nr. 80Simon Höfele | Kammerakademie Potsdam
Beethoven: Sinfonie Nr. 5Ensemble Resonanz | Riccardo Minasi
Schubert: Sinfonie Nr. 5Fazıl Say | Camerata Salzburg
Bach: Brandenburgisches Konzert Nr. 5Olga Pashchenko | Concerto Köln
