Mozart: Sinfonia concertante

Mitwirkende
Jacques Forestier Violine
Isabelle van Keulen Violine, Viola und Leitung
Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein
Charlotte Oelschlegel Moderation
Programm
Grażyna Bacewicz 1909–1969
Divertimento (1965)
für Streichorchester
I. Allegro
II. Adagio
III. Giocoso
Alfred Schnittke 1934–1998
Moz-Art à la Haydn (1977)
Spiel mit Musik für zwei Violinen, zwei kleine Streichorchester, Kontrabass und Dirigent
Wolfgang Amadeus Mozart 1756–1791
Sinfonia concertante Es-Dur KV 364 (320d) (1779–80)
für Violine, Viola und Orchester
I. Allegro maestoso
II. Andante
III. Presto
Gefördert vom Kuratorium KölnMusik e.V.
Zu den Werken
Kummervolle Unbeschwertheit
Zum Divertimento für Streichorchester von Grażyna Bacewicz
Das Divertimento für Streichorchester (1965) von Grażyna Bacewicz (1909–1969) könnte klingender Ausdruck ihres Zwiespalts seins: Nach außen umtriebig und optimistisch, nach innen zweifelnd und bedrückt (hatten doch Nazis wie Sowjets ihre Heimat Polen zu Diktaturen gestempelt). Stückprägend der Tritonus – ein Intervall aus drei Ganztonschritten, zwielichtig zugleich übermäßige Quarte wie verminderte Quinte. Im Mittelalter wurde er als »diabolus in musica« (Teufel in der Musik) geächtet, in totalitären Zeiten als Zeichen tönenden Widerstands genutzt. Der erste Satz (Allegro) beginnt mit einer Abfolge von drei verwobenen Tritoni, die als aufsässig-sinistrer Scherz vorangetrieben werden. Die Tritonus-Figur des zweiten Satzes (Adagio) erscheint sanft auf- und absteigend, doch düster klagend. Schmerz verdichtet sich, bäumt sich auf, verlöscht. Der Mutlosigkeit folgt Übermut: Scherzhaft durcheilt der dritte Satz (Giocoso) eine Klangfarbenpalette voller Energie, Humor und Lebendigkeit.
Schalk und Schläue
Zu Moz-Art à la Haydn von Alfred Schnittke
Mit Moz-Art à la Haydn (1977) komponierte Alfred Schnittke (1934–1998) eine Hommage an die Wiener Klassik. Grundlage ist die nur in einer Violinstimme erhaltene Musik Wolfgang Amadeus Mozarts für eine Faschingspantomime (er selbst spielte den Harlekin). Aus der Dunkelheit wehen Melodiepartikel herbei. Aus ihnen fügen sich allmählich die Konturen von Mozarts Harlekinade. Erst dann fällt Licht auf die Musiker:innen. Die beiden Solo-Violinen behaupten ihren Platz, mit- und gegeneinander konzertierend, sekundiert von den zwei kleinen Orchestern. Mozarts Einzelstimmenfragment wird zu einer Art Doppelkonzert von koboldartigem Witz. Kurz blitzen die Anfangstakte der großen g-Moll-Sinfonie auf. Vorübergehend vereinen sich die Orchestergruppen zu einem Klangkörper, streben aber wieder auseinander. Am Ende verlassen fast alle im Musiker:innen den sich wieder verdunkelnden Raum – à la Haydn: der ließ in seiner »Abschiedssinfonie« die Spieler nacheinander die Pultkerzen löschen und stumm abgehen.
Beseelte Unterhaltung
Zur Sinfonia concertante in Es-Dur KV 364 von Wolfgang Amadeus Mozart
Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) selbst war mit seiner Sinfonia concertante für Violine, Viola und Orchester in Es-Dur (1779/80) das Musterbeispiel eines Doppelkonzerts gelungen. Eben erst von seiner erfolglosen Paris-Reise nach Salzburg zurückgekehrt, schuf er – menschlich tief gereift und von der Mannheimer Avantgarde inspiriert – einen so beschwingten wie innigen, dicht gewobenen musikalischen Dialog. Festlich und verspielt hebt der erste Satz (Allegro maestoso) an, deren prächtiger Orchestereinleitung wie beiläufig das bezwingend zwillingshafte Wechselspiel der beiden Solostimmen entwächst. Diese Zweisamkeit trägt auch den melancholischen, nach c-Moll verdunkelten zweiten Satz (Andante), ganz erfüllt von Mozarts Traurigkeitston, der selbst in großem Kummer noch um warmen Trost weiß. Die Schwermut wird munter hinweggefegt vom dritten Satz (Presto): verspielt erneut und doch kein Kinderspiel – voll einander nachsetzender Virtuosität, die Leichtigkeit vorzuspiegeln weiß.
Oliver Binder
Biographien
Jacques Forestier
Der kanadische Geiger Jacques Forestier hat nach seinem Sieg beim Internationalen Joseph-Joachim-Geigenwettbewerb 2024 in Hannover im Alter von 19 Jahren rasch internationale Aufmerksamkeit erlangt. Als Teil der »Top 30 Under 30« von CBC Music und als »Violin Channel Artist« trat Forestier bereits mit Orchestern wie dem Edmonton Symphony Orchestra, der NDR Radiophilharmonie, dem Münchner Kammerorchester und dem Western Michigan Symphony Orchestra auf.
In der Saison 2026/2027 freut Jacques Forestier sich auf seine erste vollständige Spielzeit, in der er sein Debüt beim Calgary Philharmonic Orchestra, bei den Bremer Philharmonikern und den Duisburger Philharmonikern gibt sowie Konzerte mit der Kammerakademie Potsdam, der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn, dem NFM Leopoldinum Orchestra (Breslau), den Münchner Symphonikern in der Münchner Isarphilharmonie, der Badischen Staatskapelle Karlsruhe und der NDR-Radiophilharmonie spielen wird. Er debütiert an bedeutenden Veranstaltungsorten und Festivals, u.a. in der Kölner Philharmonie, in der Library of Congress (DC), der Musicus Society Hong Kong, den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern, dem Kravis Center for the Performing Arts (Florida) und dem Ottawa Chamberfest. Im Sommer 2026 erschien sein Debütalbum Song and Dance (mit dem Pianisten Boris Kusnezow).
Derzeit absolviert Jacques Forestier ein Studium an der Kronberg-Akademie als Schüler von Antje Weithaas, großzügig gefördert durch das Bernstein-Stipendium. Seinen Bachelor-Abschluss erwarb er als Efrem-Zimbalist-Stipendiat am Curtis Institute of Music in Philadelphia bei Shmuel Ashkenasi und Pamela Frank. Er gewann Spitzenpreise bei einer Reihe bedeutender internationaler Wettbewerbe.
Jacques Forestier ist der Edmonton Community Foundation und der Anne Burrows Foundation dankbar für ihre großzügige Unterstützung, die seine Entwicklung als Musiker fördert. Er spielt auf einer Geige von Giovanni Battista Guadagnini (um 1765, Parma), die ihm großzügigerweise von der Fritz-Behrens-Stiftung zur Verfügung gestellt wird.
Mit diesem Konzert gibt Jacques Forestier sein Debüt in der Kölner Philharmonie.
Isabelle van Keulen
Isabelle van Keulen ist eine der wenigen Musikerinnen, die sich sowohl als Geigerin als auch als Bratschistin international einen Namen gemacht haben. Mit ihrer charismatischen Ausstrahlung und musikalischen Vielseitigkeit ist sie seit Jahrzehnten auf den großen Konzertbühnen der Welt zuhause. Als Solistin spielte sie mit renommierten Orchestern wie den Berliner Philharmonikern, dem Royal Concertgebouw Orchestra, dem NHK Symphony Orchestra Tokyo, dem London Philharmonic Orchestra oder dem Melbourne Symphony Orchestra. Am Dirigentenpult standen dabei Persönlichkeiten wie Hartmut Haenchen, Philippe Herreweghe, Andris Nelsons, Sir Roger Norrington oder Andrew Manze.
Ein zentraler Bestandteil ihres künstlerischen Schaffens ist die Kammermusik. Besonders hervorzuheben ist ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem Pianisten Ronald Brautigam. Daneben engagiert sich Isabelle van Keulen intensiv für zeitgenössische Musik. In ihrem Repertoire finden sich Werke von Komponist:innen wie Henri Dutilleux, John Adams, Lera Auerbach, Oliver Knussen und Brett Dean. Große Beachtung fand ihre Einspielung des ihr gewidmeten Violinkonzerts von Erkki-Sven Tüür mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra unter Paavo Järvi.
Sie war Gründerin und langjährige künstlerische Leiterin des Delft Chamber Music Festivals sowie von 2009 bis 2012 Leiterin des Norwegian Chamber Orchestra. Seit 2019 ist sie künstlerische Leiterin der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein und steht außerdem dem Norrbotten Kammerorchester in Schweden vor.
Ihre Diskographie umfasst zahlreiche Aufnahmen, die ihre stilistische Vielfalt zeigen – von Violinkonzerten etwa von Beethoven, Prokofjew und Berg über Kammermusik von Brahms, Schumann, Ravel und Schostakowitsch bis zu den gefeierten Piazzolla-Alben mit dem Isabelle van Keulen Ensemble. Zu ihren aktuellen Einspielungen gehören auch einige, die sie als Solistin und Dirigentin mit der Deutschen Kammerakademie Neuss aufgenommen hat.
Isabelle van Keulen ist auch eine gefragte Jurorin bei internationalen Wettbewerben, etwa beim Queen Elisabeth Wettbewerb in Brüssel und bei der Sendai International Music Competition. Seit 2012 unterrichtet sie als Professorin für Violine, Viola und Kammermusik an der Hochschule für Musik Luzern.
In der Kölner Philharmonie war Isabelle van Keulen zuletzt 2003 zu Gast.
Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein
In den mehr als 45 Jahren ihres Bestehens hat sich die Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein (dkn) auf unverwechselbare Weise ein breit gefächertes Repertoire vom Barock bis zur Moderne erarbeitet und ist zu einem der führenden Kammerorchester Deutschlands geworden. Sie begeistert ihr Publikum mit innovativen Konzertformaten und exzellenter Virtuosität und gastiert regelmäßig in renommierten Konzerthäusern wie dem Concertgebouw Amsterdam und der Elbphilharmonie Hamburg. Überall agiert sie auch als unüberhörbare Botschafterin ihrer Heimat Neuss. Mit den Abonnementkonzerten, Sonderprojekten und Vermittlungsprogrammen für Schulen ist sie unverzichtbarer Teil des Musiklebens der Stadt.
Die Orchestermusiker:innen stammen aus verschiedenen Nationen und haben über die Jahre ein interpretatorisches Verständnis und Miteinander entwickelt, das für einzigartige Resultate sorgt. Ein besonderes Anliegen der dkn ist auch die Förderung junger hochbegabter Musiker:innen. Die Teilnahme am Stipendienprogramm des Orchesters ist für viele ein Sprungbrett für die weitere musikalische Laufbahn.
Die über 50 zum Teil preisgekrönten CD-Aufnahmen der dkn markieren wichtige Etappen auf dem Erfolgsweg des Orchesters. Die Einspielungen der Sinfonien von Luigi Boccherini und Michael Haydn sind hier ebenso zu nennen wie die Produktion sämtlicher Orgelkonzerte von Georg Friedrich Händel in einer modernen Interpretation mit dem Pianisten Matthias Kirschnereit. Für die Aufnahme der Sinfonien op. 4 von François-Joseph Gossec wurde die dkn mit dem OPUS KLASSIK ausgezeichnet, die aktuellste CD Variations on Buenos Aires wurde vom Bayerischen Rundfunk zum »Album der Woche« gekürt.
Mit der Vision, ein Streichorchester von der Transparenz und Feinheit eines Streichquartetts zu schaffen, gründete der Cellist und Dirigent Johannes Goritzki 1978 die Deutsche Kammerakademie. Diese künstlerische Idee wurde von seinen Nachfolger:innen Lavard Skou-Larsen und nun seit bald zehn Jahren von Isabelle van Keulen als Künstlerischer Leiterin sowie Christoph Koncz als Chefdirigent mit internationalem Erfolg fortgetragen.
Zu den Gastdirigent:innen und Solist:innen der vergangenen Jahre gehörten u.a. Ustina Dubitsky, Emmanuel Tjeknavorian, Carolin Widmann, Henning Kraggerud, Svetlin Roussev, Sindy Mohamed, Ronald Brautigam, Fabian Müller und Leonard Elschenbroich.
Seit 1983 wird die Deutsche Kammerakademie von der Stadt Neuss gefördert. Sponsoren wie die Sparkasse Neuss und 3M leisten wichtige Unterstützung.
In der Kölner Philharmonie war die Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein zuletzt im Mai 2023 zu Gast.
Die Besetzung der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein
Violine I
Moritz Ter-Nedden
Suvd Enkhtuvshin
Sebastian Gwilt
Beatrice Martelli
Lilit Tonoyan
Petra Wolff
Violine II
Vlad Popescu
Carolina Camp Guasp
Stefan Federer
Anna Haas
Elisabeth Moog
Viola
Andres Mehne
Alberto Herrero Fernández
Anne Köhler
Silvia Vega Estévez
Violoncello
Milan Vrsajkov
Revaz Khaindrava
Teemu Myöhänen
Kontrabass
Vilmos Buza
Oboe
Yoshihiko Shimo
Wei Ting Huang
Horn
Marlies Callebert
Reindert Geirnaert
Charlotte Oelschlegel
Geschichten findet Charlotte Oelschlegel in der Musik und bei den Menschen, die sie spielen. Ihr Ziel ist es, Bezüge aufzuzeigen, die helfen, Kunst, Musik und die Kulturen, aus denen sie entstehen, besser zu verstehen und dadurch beim Publikum die Sinne für Neues zu öffnen.
Sie festigte ihren Musikgeschmack als Bratschistin im Bundesjugendorchester und studierte Musikjournalismus für Rundfunk und Multimedia in Karlsruhe sowie Kultur- und Medienmanagement in Hamburg.
Charlotte Oelschlegel arbeitet im Hörfunk für Deutschlandfunk Kultur und den NDR, moderiert auf Bühnen von Hamburg bis Berlin, legt als DJ genreübergreifende Sets auf und spielt in ihrer Freizeit Bratsche. Am liebsten erarbeitet sie mit Jugendlichen dramaturgische Konzertprogramme oder gestaltet und moderiert Konzertformate für Häuser wie die Hamburger Elbphilharmonie oder das Beethovenfest Bonn.
Im Jahr 2020 wurde sie in der Kategorie »Bester Newcomerin« für den Deutschen Radiopreis nominiert und 2025 in der Kategorie »Best Work Of Music Journalism Under 30« für den International Music Journalism Award im Rahmen des Reeperbahnfestivals.
Charlotte Oelschlegel ist nun zum ersten Mal in der Kölner Philharmonie zu erleben. In dieser Saison wird sie auch die weiteren Konzerte des Abonnements »Sonntags um vier« moderieren.
Podcast
»Sonntags um vier« – moderierte Konzerte für alle Generationen
Charlotte Oelschlegel im Gespräch mit Christoph Vratz
Vorschau
Das nächste Konzert im Abonnement »Sonntags um vier«
Weitere Highlights
Redaktion
- Kulturpartner der Kölner Philharmonie

Andreas Günther, Sebastian Loelgen (verantwortlich)



