Sir Simon Rattle ©Oliver Helbig

Porträt Sir Simon Rattle

Anfang des Jahres löste ein Big Bang in der Klassik-Welt ein ziemlich heftiges Beben aus. Zur Verblüffung vieler Musikfreunde diesseits und jenseits der Kanals hatte Sir Simon Rattle da nämlich bekannt gegeben, dass er seine neue musikalische Heimat London 2023 wieder verlassen wird, um in München das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu übernehmen. Dabei war er sozusagen gerade erst nach England zurückkehrt, um als „Music Director“ mit dem London Symphony Orchestra ein großes Traditionsorchester in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Doch Rattle will fortan einfach näher bei der Familie sein, bei seiner Ehefrau Magdalena Kožená und den Kindern, die weiterhin in Berlin leben.

Bis zum offiziellen Farewell von jenem Orchester, bei der der gebürtige Liverpooler schon als 22-Jähriger debütierte, hat man zusammen aber noch viel vor. Dazu gehören zwei gemeinsame Kölner Gastspiele, die in der kommenden Saison im Rahmen des dreiteiligen Rattle-Porträts stattfinden. Und nimmt man dann noch das dritte Konzert hinzu, bei dem dieser charismatische Dirigent das Chamber Orchestra of Europe leitet, wird die deutsch-österreichische Romantik und Moderne so zum musikalisch roten Faden durch diese Konzertreihe.

Sämtliche Stücke kennt Sir Simon seit Jahren sehr genau. Und was für ein ausgesprochenes Gespür er auch für die sinfonischen Glaubens- und Klangwelten Anton Bruckners besitzt, hat er bereits 2007 mit den Berliner Philharmonikern anhand der berühmten „Romantischen“ bewiesen. Doch nun präsentieren Rattle und das London Symphony Orchestra Bruckners Vierte aus einer neuen, spannenden, von der historischen Aufführungspraxis inspirierten Perspektive. In die Werkstatt des überaus selbstkritischen Komponisten laden da die Musiker ein und stellen zunächst zwei Sätze aus der 1. Fassung der 4. Sinfonie vor. Nach der Pause erklingt diese mit satten Hörnersalven veredelte Sinfonie in ihrer überarbeiteten, heute meistgespielten 2. Fassung.

Vom Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts (Bruckner starb hier 1896) bereisen Simon Rattle und das LSO dann im zweiten Konzert die damaligen Musikmetropolen Leipzig und Paris. Zunächst spielt man Robert Schumanns 2. Sinfonie, die im Oktober 1846 von Schumanns Freund Felix Mendelssohn Bartholdy eben in Leipzig aus der Taufe gehoben war. Zum Sinfoniker Schumann hat Rattle zwar erst recht spät gefunden. Spätestens aber mit der 2014 erschienenen Gesamteinspielung der vier Sinfonien mit den Berliner Philharmonikern hat er sich als mitreißender und kenntnisreicher Schumann-Interpret gezeigt. „He is the echt Romantic”, so Rattle in seinem sympathischen Denglisch über den Komponisten. Für das zweite Hauptwerk dieses Gastspiels macht man sich dann auf nach Paris, wo Kurt Weill 1933 nach einem Text von Bertolt Brecht seine „Sieben Todsünden“ geschrieben hat. Und mit ihren Jazz-Elementen ist auch diese Musik so ganz nach dem keine Genre-Grenzen kennenden Simon Rattle.

Im dritten „Porträt“-Konzert wendet er sich schließlich mit Gustav Mahler einem Komponisten zu, den er bereits während seiner Jahre beim City of Birmingham Symphony Orchestra ganz besonders ins Herz geschlossen hat. Und schon 1995 nahm Rattle erstmals Mahlers „Lied von der Erde“ auf. 2018 folgte sodann seine zweite diskographische Beschäftigung mit diesem epochalen Spätwerk Mahlers. Diesmal dirigierte er das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Und an der Seite hatte Rattle auch seine Gattin, die Mezzosopranistin Magdalena Kožená. Mit ihr sowie dem Tenor Andrew Staples taucht Rattle jetzt einmal mehr in die Klang- und Ausdruckstiefen dieses bewegenden Orchesterlieder-Zyklus ein. Dafür hat er die von Glen Cortese stammende Fassung für Kammerorchester ausgewählt, die das Intime dieser Musik noch intensiver zum Ausdruck bringt. Zuvor aber erklingen die „Metamorphosen“ von Richard Strauss. Und dabei ist dann nicht nur die Seelenverwandtschaft zwischen den beiden Freunden Strauss und Mahler unüberhörbar, sondern einmal mehr auch die zwischen Simon Rattle und dem Chamber Orchestra of Europe.

Porträt Sir Simon Rattle Concerts