Kristian Bezuidenhout ©Matthias Baus

Kristian Bezuidenhout

»This is it!« – Mit diesen Worten beschreibt Kristian Bezuidenhout den Gedanken, der ihm durch den Kopf ging, als er zum ersten Mal ein Hammerklavier hörte. Die Aufnahme – eine Einspielung von Mozarts Klavierkonzerten, mit Malcolm Bilson als Solist, unter Leitung von John Eliot Gardiner – blieb ihm lange Zeit in Erinnerung.

Kristian Bezuidenhout im Gespräch mit Louwrens Langevoort

 

Ich war noch ein Teenager, als mein Vater mir diese Aufnahme vorspielte, und das Gehörte beeindruckte mich zutiefst. Dieser Klang ... er war extrem facettenreich, von einer ungeheuren Schönheit, und vermittelte ein Gefühl von Dramatik und Leidenschaft. Darüber hinaus wirkte er zerbrechlich, wie feines Porzellan, und zugleich höchst präzise. Diese Aufnahme öffnete mir eine ganz neue Welt. Dies war für mich eine  überzeugende Art und Weise, Mozart in der heutigen Zeit aufzuführen.

 

Sie waren also sofort davon begeistert und wollten auch so spielen?

Ja, aber es sollten noch einige Jahre vergehen, bevor ich begann, mich auf Hammerklaviere zu spezialisieren. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich in Australien gelebt habe und dass dort in den 1990er Jahren höchstens vier oder fünf dieser Hammerklaviere zu finden waren. Ich wuchs in Brisbane auf – eine Stadt, die die meisten Menschen ausschließlich mit Sonne, Strand und Surfen verbinden. Dort spielte ich auf ganz normalen, modernen Klavieren, denn solch »altertümliche« Instrumente waren höchstens in Sydney oder Perth zu finden. Danach begann ich mit der Pianistenausbildung, aber ebenfalls auf modernen Instrumenten. Ich wusste nur, dass ich eines Tages so wie Bilson spielen wollte, der zu dieser Zeit eine Art Held für mich war. Er sorgte dafür, dass sich mein musikalischer Geschmack und meine Interpretationen erdrutschartig veränderten.

Als ich das erste Mal auf einem Hammerklavier spielte, war ich sehr enttäuscht. Es gelang mir einfach nicht, den Klang zu erzeugen, den ich mir vorgestellt hatte. Das Ganze war ein Ringen mit der Materie. Man muss sich wirklich bewusst darauf einlassen und die gesamte pianistische Technik von Grund auf neu erarbeiten. Aber die Mühe hat sich gelohnt: Ich hätte mir auch nie vorstellen können, einmal ein Konzertpianist zu werden, der jahrein, jahraus das konventionelle Repertoire von Chopin, Tschaikowsky und Rachmaninow aufführt.

Es sollte auch noch bis ins Jahr 2001 dauern, bevor ich endlich ein eigenes Instrument bekam und mein Spiel perfektionieren konnte. Mittlerweile habe ich meine Meinung aber nochmals völlig geändert: Am liebsten würde ich heute Mozart auf vielen verschiedenen Instrumenten spielen. Jedes Musikstück erfordert im Grunde sein eigenes Musikinstrument. Inzwischen ist es eines meiner Ziele, eine Konzertreihe mit vielen verschiedenen Instrumenten zu veranstalten, bei der die einzelnen Instrumente die perfekte Temperierung für die jeweilige Komposition haben.

Da ich nicht mit meinen eigenen Instrumenten reisen will, muss ich mich bei meinen Konzerten immer wieder auf neue Instrumente einstellen. Aber das Spiel auf unbekannten Instrumenten hat auch etwas Aufregendes, Spannendes: Es ist eine Herausforderung, sich in kurzer Zeit auf die Mechanik einzustellen, sich einzufühlen und etwas aus ihr herauszuholen, auf das man stolz sein kann. Aber gut: Ich verfüge nicht über andere Möglichkeiten, und ich habe mich schließlich auch nicht dafür entschieden, auf einem Steinway oder Bösendorfer Karriere zu machen, die stromlinienförmigen Klang und Technik bieten. Der Kampf, den ich mit den alten Instrumenten ausfechten muss, ist Teil der Schönheit des Klangs, den ich aus ihnen »hervorzaubern« kann. Aber es ist auch eine Kunst, wobei ich immer auf ein Best-Case-Szenario hoffe.

 

Aber Sie beschränken sich doch nicht nur aufs Hammerklavier?

Richtig, ich spiele alle Instrumente, die vor dem heutigen Konzertflügel zur Verfügung standen. Und wie schon gesagt: Jede Musik erfordert im Grunde ihr eigenes Instrument – was schon bei einem einzigen Komponisten zu einer enormen Vielfalt an  Interpretationsmöglichkeiten führt. Es ist eine Inspiration für mich, innerhalb jedes Stücks einen neuartigen Klang entwickeln zu können. Darüber hinaus muss ich mich im Dialog mit dem betreffenden Instrument immer neu entdecken.

 

Welches Repertoire würden Sie als Ihr eigenes bezeichnen?

Vor einigen Jahren hätte ich noch geantwortet, dass meine persönliche Grenze etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts lag. Heute bin ich da schon anderer Ansicht. Natürlich wird Bach immer den Mittelpunkt meiner musikalischen Karriere bilden: Dort gibt es noch so vieles zu entdecken, so viel Neues auszuprobieren. Dabei denke ich nicht nur an das Repertoire für mein Instrument, sondern auch an die Kantaten, die ich von ganzem Herzen liebe – so sehr, dass es schon fast obsessive Züge annimmt. Aber auch Händel und Purcell gehören zu meiner musikalischen Welt; auf sie würde ich ebenfalls nie verzichten wollen.

Außerdem habe ich mir vorgenommen, in den nächsten zehn Jahren auch Brahms und Schumann gründlich zu studieren und herauszufinden, mit welchen Instrumenten ich ihre Musik zu Gehör bringen möchte.

 

Im Rahmen Ihres Porträts werden Sie auch Ihr Dirigentendebüt in der Kölner Philharmonie geben ...

Ja, genau. Das Freiburger Barockorchester dirigiere ich vom Cembalo aus. Das ist kein großer Sprung und auch musikhistorisch gesehen nichts Neues. Es ist ja allgemein bekannt, dass alle großen Komponisten vor 1800 ihre Musik von ihrem Cembalo oder Klavier aus dirigiert haben. Besser gesagt: Sie machten Musik, gemeinsam mit ihren Kollegen an den anderen Instrumenten, und gaben sozusagen die Impulse. Von Mozart wissen wir, dass er von seinem Klavier aus häufig improvisierte, aber so etwas war zu seiner Zeit die Regel und nicht die Ausnahme.

Vor einigen Jahren habe ich mir selbst einen großen Wunsch erfüllt und Händels »Theodora« dirigiert – ein fantastisches Musikstück, ein großartiges Oratorium aus der späten Lebensphase dieses Komponisten, der durch die italienischen Opern außergewöhnlich populär geworden war. Dieses Stück besitzt eine Modernität, die an einen Hollywoodfilm erinnert. Es ist reinrassiges Musiktheater, das sich in der perfekten Beschreibung der Gefühle der Protagonisten äußert, und zwar durch einen Chor, der all dies reflektiert – ähnlich der Matthäuspassion von Bach oder vieler seiner Kantaten. In Köln werde ich mehrere Oden und Hymnen von Händel und Purcell dirigieren, worauf ich mich schon sehr freue.

Schließlich ist es mein Beruf, mit Kollegen über das Medium der Musik zu kommunizieren. Die Tatsache, dass wir miteinander spielen, birgt immer die große Herausforderung in sich, aus jedem Musikstück etwas noch nie Gehörtes zu machen. Darum bin ich jedes Mal, wenn ich Kammermusik spielen kann und nicht allein als Solist auf der Bühne stehen muss, wirklich glücklich: Ich darf gemeinsam mit meinen Kollegen die Musik neu entdecken.

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